Sandra Zarth
 

"HAMMONIA"

Die Künstlerin Sandra Zarth als Stipendiatin der Otmar- Alt- Stiftung in Hamm vom 1. März bis 31. August 2004 


Das bisherige Oeuvre der Malerin Sandra Zarth lässt sich nicht auf ein Medium in der Ausdrucksweise und der Technik reduzieren: Immer wieder überraschte sie in der Vergangenheit durch Themen und Ausdrucksmittel, die eine Auseinandersetzung mit ihrem Werk zu einer atemberaubenden Reise durch eine scheinbare Phantasiewelt macht – in der aber durchaus auch Bezüge auf gesellschaftliche und soziale Missstände zu finden sind. Sandra Zarth ist jedoch nicht nur in der Malerei zu Hause. Auch ihre Photographien und Druckgraphiken, Kleinskulpturen und Objekte zeugen von einem tiefen kreativen Potential. Wie wirkt sich nun eine äußerliche Reduktion, wie das Stipendium in Norddinker in einer Naturlandschaft auch verstanden werden kann, auf  diese Künstlerin aus?

Künstler haben sich immer wieder mit Landschaft als Erlebnis auseinandergesetzt, für Sandra Zarth entpuppte sich die Natur Westfalens als eine Hinwendung in die Innenwelt. Sie, die das Stipendium eigentlich als Chance sah, sich der Vervollkommnung einer neuen Technik zu widmen, wurde von einem Gefühl des Zurückgeworfenseins auf sich selbst beherrscht. Sich auf das Äußerliche zu konzentrieren, schien  kaum möglich.

 

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ihre in Hamm erkundete Technik an den nostalgischen Malbucheffekt eines verängstigten Kindes erinnert. Damit steht sie in partieller Übereinkunft mit dem Künstler Thomas Scheibitz, der in diesem Jahr ausgewählt wurde, seine „urdeutsche Tradition des Expressionismus“ im deutschen Pavillon der Biennale 2005 in Venedig zu präsentieren. Dem „schüchternen Strategen“ Thomas Scheibitz, wie er in der art 6/05 genannt wird, wird eben dieser Malbucheffekt nachgesagt, den wir auch in diesem Katalog wieder finden. In den Bildern des Dresdner Künstlers mag man „Versatzstücke von Landschaft und aus Portraits erkennen, aber eigentlich geht es ihm um Ideen“. Sandra Zarth, die von sich selbst sagt, nur thematisch arbeiten zu können, zeigt uns in ihrer Darstellung der Ideen das Emotionale des Geistes. Ihre beiden Farbpaletten gleichen sich in den diversen Grauschattierungen, dem kränklichen Gelb und dem versponnen blassen Violett und lassen den Betrachter allein, sich in diesem Nebel der Eindrücke eine Meinung zu bilden. In dem Werk von Sandra Zarth ergründet der Betrachter jedoch zusätzlich eine emotionale Geisteshaltung, die ihn auf den Zustand der Künstlerin, aber auch auf ein „In-sich-selbst-sein“ zurückwirft. So erkennen wir in den Werken, die in Hamm entstanden sind, selbstreflexive Emotionen ohne direkte Urteilsbegründung, die es dem Betrachter leicht machen, in eine kindliche Welt zurückzutauchen. Voraussetzung für einen kognitiven Zugang zum Zarthschen Werk ist selbstverständlich die Bereitwilligkeit für eine Entführung in eine vielleicht längst vergessene Innenwelt, die doch irgendwie vertraut erscheint. Anrührend und flehentlich schauen uns die Phantomgeschöpfe nicht direkt in die Augen, sondern ihr Blick ist meist seltsam nach innen gerichtet. Gefühlsregungen werden hier nicht mehr stilisiert, sondern erscheinen pur und sentimental. Die Malbuchtechnik steht nicht hinter dem hereinbrechenden Gefühl der Einsamkeit zurück. Wie Alice im Wunderland steht Sandra Zarth vor der plötzlichen Erkenntnis, dass die so ersehnte Tiefe nicht unvermeidlich mit einem Gefühl der Glückseligkeit einhergeht. Erst durch die Verwünschung der Tiefe entdeckt sie, dass sich alles an der Grenze zur Oberfläche ereignet. Die Oberfläche konnte in der Isolation für Sandra Zarth nur die Oberfläche der Leinwand darstellen und die galt es zu befüllen, um die wahrhaftige Leere der Einsamkeit darzustellen und damit auszulöschen.

 

Rainer Maria Rilke schrieb in einem Brief an seine Frau Clara im Juni 1907, dass Kunst-Dinge ja immer Ergebnisse des „In-Gefahr-gewesen-Seins“, des in einer Erfahrung „Bis-ans-Ende-gegangen-Seins“ sind, davon zeugen selbst die abstrakten Landschaftsbilder von Sandra Zarth. Oft erkennt man nebulös einen dominierenden Himmel, der sich in allen naturgewaltigen bedrohlichen Facetten zeigt. Die Horizonte verschwimmen oder wirken zerrissen und zersplittert und selbst die Bildränder halten den eigentlichen Landschafts-Ausschnitt nicht in Zaum: Sie – die Landschaft - scheint über den Bildrand hinauszufließen - grenzenlos zu sein - übermächtig und verschlingend. Durch die Abstraktion der Landschaft ist dem Betrachter der Zugang zur Realität verbaut, d. h. auch hier ist kein Landschaftserlebnis, weder für die Künstlerin noch für den Betrachter möglich. Eine Verankerung und damit auch Identifizierung ist durch das außer Acht lassen einer Andeutung auf die Jahreszeit, in der die Bilder entstanden sein könnten oder einem erklärenden Ereignis, nicht möglich. Damit liefert sich auch der Betrachter einer Entität aus, die ihn im Nirgendwo belassen.

 

Wie zur eigenen Rückversicherung spielt Sandra Zarth auch mit Worten. Flüchtig an die „One Word Poems“ von Ian Hamilton Finlay erinnernd, bereichert die Künstlerin die plakativen Aussagen mit Zeichnungen, die die Worte verdrängen und gleichzeitig verstärken. Die Ambivalenz zwischen Verdrängung und Verstärkung wird aufgehoben durch die fragmentalen Figuren, die nicht für sich stehen wollen, da ihnen „etwas“ fehlt. Dieses „etwas“ gilt es zu bestimmen, doch wie um den Betrachter vor der eigenen Reflexion zu schützen, wird die Erklärung von der Künstlerin mitgeliefert. Ist das Werk dadurch nicht mehr hinterfragbar? Weit gefehlt, denn wer ist wirklich Adressat dieser vermeintlichen Botschaften? Dienen sie wirklich der Aufklärung des Betrachters? Was im künstlerischen Nimbus der Transparenz daherkommt hat meist was zu verbergen. Zu viel Aufklärung zeugt oft von der Verschleierung des einzig Wahrhaftigen und so steht die Eindeutigkeit im Werk von Sandra Zarth gleichzeitig wieder für Distanz, Verschleierung und viele unaufklärbare Rätsel.

 

Eine Harmonie zwischen der weitläufigen Landschaft Norddinkers und der Künstlerin hat es nicht gegeben - die Einigkeit zwischen dem Werk und der Künstlerin aber ist gewachsen: Entspricht dieses letztlich nicht doch einer HAMMONIA?

Gaby Schulze, Hamburg